: Textausgabe + Lektüreschlüssel. Arthur Schnitzler: Lieutenant Gustl (EPUB)

Textausgabe + Lektüreschlüssel. Arthur Schnitzler: Lieutenant Gustl
(E-Book)

Lektüreschlüssel von Mario Leis
EPUB (mit unsichtbarem Wasserzeichen geschützt).
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ISBN: 978-3-15-960253-0

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Arthur Schnitzler, 15. 5. 1862 Wien – 21. 10. 1931 ebd.
Der Sohn eines angesehenen Mediziners jüdischer Herkunft studierte ab 1879 Medizin in Wien. Nach der Promotion 1885 arbeitete er als Assistenzarzt am Wiener Allgemeinen Krankenhaus, 1888–93 an der Poliklinik als Assistent seines Vaters. Nach dessen Tod verließ Sch. die Klinik und eröffnete 1893 eine eigene Praxis, die er mit zunehmender literarischer Betätigung einschränkte, aber nicht aufgab. Sch. gehört zu den bedeutendsten Vertretern der Wiener Moderne um die Jahrhundertwende (»Jung-Wien«). Nach frühen Veröffentlichungen in Zeitschriften (zuerst 1880, regelmäßig seit 1886) erschien mit dem Zyklus von Einaktern, Anatol, das erste Werk von literarischem Rang. Es orientiert sich an frz. Boulevardkomödien und stellt den Typus des leichtsinnigen Melancholikers vor, dessen Leben in Episoden ohne inneren Zusammenhang zerfällt. Den ersten großen Bühnenerfolg hatte er mit dem Schauspiel Liebelei (UA 1895), das – skandalerregend – die Affären junger Herren aus besserem Hause mit Vorstadtmädchen zeigt und zugleich Elemente des bürgerlichen Trauerspiels aufnimmt, wobei tiefverwurzelte bürgerliche Wertvorstellungen (in einem der ›süßen Mädels‹) mit der ästhetisierenden Unverbindlichkeit und Hohlheit der sie umgebenden Gesellschaft auf unheilvolle Weise kollidieren. Der kritische Blick auf bürgerliche Moralkonventionen fand im Reigen (1900, UA Berlin 1920) eine konsequente szenische Lösung: Die Folge von zehn Szenen mit dem in zehnfacher Abwandlung dargestellten Ritual des Sexualakts schließt sich formal und gesellschaftlich zum totentanzähnlichen Reigen. Die Uraufführung löste (z. T. inszenierte) Skandale und Prozesse aus; Sch. untersagte weitere Aufführungen. Die Reaktionen auf seine Stücke bestätigten Sch.s Diagnosen. Das gilt auch für die »Komödie« Professor Bernhardi (UA Berlin 1912), die in Österreich »wegen der zu wahrenden öffentlichen Interessen« verboten wurde. Mit dem Stück und seiner Entlarvung des liberal verbrämten wie des klerikalen Antisemitismus und des Opportunismus der Politiker gelang Sch. eine brisante gesellschaftliche Analyse. Seine Kunst der Gefühlsdarstellung und -analyse (und der leisen Zwischentöne) zeigt sich in Stücken wie Der einsame Weg (UA 1904) und Das weite Land (UA 1911), wobei zugleich an der Einsamkeit und Isolation der Protagonisten der Zustand der Gesellschaft sichtbar wird. In den Jahren nach der Jahrhundertwende gehörte Sch. zu den meistgespielten deutschsprachigen Dramatikern.
Dem dramatischen Werk steht ein ebenso bedeutendes Prosaschaffen zur Seite. Seit seiner ersten Novelle (Sterben) zeichnet sich Sch.s Erzählen durch eine eindringliche psychologische Darstellungskunst aus, die vor dem Hintergrund pervertierter bürgerlicher Moral- und Wertvorstellungen genaue Analyse und deterministische Vorstellungen mit einem Gefühl für die Seelen- und Bewusstseinslage der Fin-de-Siècle-Generation und den Zwischenbereich zwischen Bewusstem und Unbewusstem verbindet. Sch. verwandte als erster konsequent den inneren Monolog als erzählerisches Mittel, um die inneren Vorgänge einer Figur, ihre assoziativen Reaktionen auf ihre Wahrnehmungen darzustellen. In Lieutenant Gustl, zuerst im Weihnachtssupplement (25. 12. 1900) der Wiener Neuen Freien Presse erschienen, fügt sich die halbbewusste Selbstentlarvung des in seiner ›Ehre‹ verletzten Leutnants ohne Erzählereingriffe und -kommentare zu einem für den militärischen Ungeist und die Perversion des Ehrbegriffs symptomatischen Psychogramm (was zur Aberkennung des Reserveoffiziersrangs führte). Sch. nahm die Technik des inneren Monologs wieder in Fräulein Else auf, einer Geschichte pervertierter Bürgerlichkeit, die eine junge Frau im tödlichen Konflikt zwischen Selbstbewahrung und sexuellem Opfer für die Familie bzw. die Familienfinanzen zeigt. In seinem ersten Roman, Der Weg ins Freie, verknüpft Sch. die Darstellung der problematischen Liebesbeziehungen eines egozentrischen und sentimentalen Komponisten mit einer differenzierten Schilderung des deutsch-jüdischen Lebens in der Habsburger Monarchie. Zu den Versuchen, Typen auf Urbilder zurückzuführen, gehören die Erzählungen Casanovas Heimfahrt (Abenteurer) und Spiel im Morgengrauen (Spieler). Die für Sch.s Werk charakteristischen Motive und Themen (Ambivalenz des Lebens, Schein und Wirklichkeit, Zufall und Notwendigkeit, Determination, Unterdrückung der weiblichen Sexualität, Liebe, Tod, Trieb u. a.) bestimmen auch das Spätwerk seit Fräulein Else.

In: Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren. Von Volker Meid. 2., aktual. und erw. Aufl. Stuttgart: Reclam, 2006. (UB 17664.) – © 2001, 2006 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart.

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