: Kitsch

Kitsch. Texte und Theorien

Hrsg.: Dettmar, Ute u. Küpper, Thomas
320 S.
ISBN: 978-3-15-018476-9

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Kitsch oder Kunst? Der Sammelband zeichnet die kontroverse Diskussion um das Thema durch die Jahrhunderte nach – anhand einschlägiger Textausschnitte von Lichtenberg über Kant und Schiller, Karl May und Karl Kraus bis hin zu Pierre Bourdieu und Vilém Flusser.

1. Liebe, Tod und Tränen. Kitsch in der Literatur und Alltagskultur
2. Kritik der Gefühlsdarstellung im ausgehenden 18. Jahrhundert. Historische Vorläufer der Kitsch-Diskussion
3. Was heißt "Kitsch"? Etymologische Spurensuche
4. Kampf dem Kitsch. Geschmacksbildung, ästhetische Erziehung und Medienpädagogik im frühen 20. Jahrhundert
5. Kitsch und Kulturkrise. Perspektiven der
Zwischenkriegszeit
6. Kitschforschung. Wissenschaftliche Ansätze nach 1945
7. Kitsch als Schlagwort. Zur historischen und
sozialen Bedingtheit des Geschmacksurteils
8. Kitsch-Art, Camp, Kulturrecycling. Postmoderne Spielarten

(...) In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, etwa in den Cultural Studies, wird seit einiger Zeit der Versuch unternommen, die Aneignungs- und Erlebnisweisen der Populärkultur in ihrer Eigenart zu beschreiben. Darüber hinaus gehen kultur- und mentalitätsgeschichtliche Untersuchungen der Frage nach, welche Voraussetzungen und Funktionen die Auseinandersetzung um die Massenkünste hat. An diese Fragestellung schließt der vorliegende Band an: Die Textsammlung dokumentiert, welche Wahrnehmungen, Deutungen und Interessen sich mit der Zuschreibung "Kitsch" verbunden haben. Während die einzelnen Texte zu klären versuchen, was Kitsch eigentlich ist, lassen sie sich selbst wiederum mit der Fragestellung lesen, welche Leitunterscheidungen bei der Bestimmung des Begriffs wirksam werden. Die Auswahl der Beiträge aus unterschiedlichen Epochen ermöglicht es zudem, sowohl die Kontinuitäten als auch die Veränderungen der Debatte zu verfolgen. Der Kitsch-Diskurs wird in seiner Entstehung, Verbreitung und Umkodierung, seiner kulturellen Wirkungsmacht rekonstruierbar. Die Debatte setzt, so die Ausgangsüberlegung, insbesondere in Zeiten des kulturellen, medialen und soziostrukturellen Umbruchs ein, nämlich jeweils dann, wenn das herrschende Verständnis von Kunst durch konkurrierende Auffassungen und Praxen irritiert wird. Die harschen Auseinandersetzungen um den Kitsch dienen in solchen Phasen der Abwehr und zur Selbstversicherung der Kunst und der Kunstverständigen, die sich auch über das definieren, was sie nicht schätzen.
An diesen Umbrüchen orientiert sich die Anordnung der folgenden Texte: Einen ersten Einschnitt bildet im ausgehenden 18. Jahrhundert der signifikante Anstieg der Unterhaltungsliteratur, die auf dem literarischen Markt verfügbar ist. In der Auseinandersetzung mit einem Publikum, das in wachsender Zahl vom Gefühl ergriffen werden will, entwickeln sich bereits Positionen, die in der späteren "Kitsch"-Debatte aufgegriffen werden - das Wort "Kitsch" fällt indes um 1800 noch nicht (Kap. 2). Dieser Begriff kommt erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auf, als es durch die neuen technisch-industriellen Voraussetzungen möglich wird, Kulturwaren massenhaft und billig zu produzieren (Kap.3). Angesichts des großen Angebots etwa von Heftserien, Filmen sowie von kunstgewerblichen Artefakten bemühen sich pädagogische Bewegungen seit dem beginnenden 20. Jahrhundert, breite Bevölkerungsschichten zum guten Geschmack zu erziehen (Kap. 4). In der Zeit zwischen den Weltkriegen erhält der "Kitsch"-Begriff verstärkt kulturkritische Dimensionen und dient insbesondere zur Diagnose gesamtgesellschaftlicher Gefährdungen und Fehlentwicklungen (Kap. 5). Nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert sich "Kitsch" als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung: Von der Literaturwissenschaft bis hin zur philosophischen Anthropologie versuchen die unterschiedlichen Disziplinen, sich dem Phänomen "Kitsch" mit ihren jeweiligen Theorien zu nähern (Kap. 6). Viele dieser Ansätze ziehen allerdings bald Kritik von Seiten der soziologischen und historischen Forschung auf sich: Stilanalytische Abgrenzungen von Kitsch und Kunst handeln sich den Vorwurf ein, die geschichtliche Relativität und die soziale Funktion von Geschmacksurteilen zu wenig zu bedenken (Kap. 7). Postmoderne Bewegungen schließlich betreiben ein Spiel mit Kitsch-Elementen, in dem sich traditionelle Grenzlinien zwischen Kitsch und Kunst verschieben (Kap. 8). Diese Aufhebung des Kitsches markiert das vorläufig letzte Kapitel in seiner Geschichte und schließt den historischen Überblick ab.
In diesem ersten Streifzug zeigt sich bereits, wie facettenreich die Bestimmungen des Kitsches zwischen ästhetischer Mangelware, selbstbezogener Gefühlsseligkeit, vorsätzlicher Täuschung, sozialer Abgrenzung und ironischer Distanz sind. Ausgewählt wurden zum einen Texte, die in ihrer Entstehungszeit viel beachtet worden sind, und zum anderen Positionen, die sich rezeptionsgeschichtlich etabliert haben, die Anlass zur weiteren Auseinandersetzung gegeben und neue Aspekte in die Debatte eingebracht haben. Die Beiträge stammen aus so unterschiedlichen Disziplinen wie der Ästhetik, Anthropologie, Pädagogik, Literaturwissenschaft, Theologie, Kunst und Kunstsoziologie. Die Aufnahme von medien- und fachspezifischen Perspektiven auf den 'einen' Gegenstand "Kitsch" macht seine Vielgestaltigkeit deutlich.
Jeder Teil des Bandes beginnt mit einer kurzen Einführung, die zeitgeschichtliche und autorenspezifische Kontexte erschließt und die Textauszüge in diese Zusammenhänge einordnet. Die weiterführenden Literaturhinweise in jedem Kapitel nennen Texte aus dem historischen Umfeld, die nicht in die Anthologie aufgenommen sind, sowie weiterführende Forschungsliteratur zum Thema.
Im ersten Teil des Bandes findet sich eine kleine Auswahl von Texten aus derjenigen Literatur, die üblicherweise als Kitsch gilt - längst besteht ein (Negativ-)Kanon von Kitsch-Objekten und -Texten, auf die sich die theoretischen Überlegungen immer wieder beziehen und die im Laufe der Diskussion weiter kolportiert worden sind (Kap. 1.1-1.3; 1.8; 1.9). Hinzu kommen Auszüge aus literarischen Texten, die den Kitsch als Thema aufgreifen (1.4-1.7). (...)

© 2007 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart

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