
Kai Vogelsang ist Professor für Sinologie an der Universität Hamburg und Leiter der dortigen Abteilung für Sprache und Kultur Chinas.
Interview mit Kai Vogelsang zur Geschichte Chinas
China ist ein riesiges Land mit einer sehr weit zurückreichenden Geschichte. Dem bei uns verbreiteten Bild, dass dieses Land durch große räumliche Einheit und historisch-kulturelle Kontinuität geprägt ist, treten Sie entschieden entgegen. Welches Bild Chinas an Stelle des eines Monolithen ist aus Ihrer Sicht angemessen?Angemessen wäre das Bild eines Mosaiks aus unzähligen bunten und vielförmigen Steinen, die sich bald besser, bald schlechter zusammenfügen. Bei einem Land, dass sich heute über fast 10 Mio. km2 erstreckt, vom Himalaya bis zum Gelben Meer, von der mongolischen Steppe bis zu den Palmstränden Hainans, in dem 56 verschiedene Ethnien wohnen und Dutzende Sprachen gesprochen werden, kann von räumlicher oder kultureller „Einheit“ keine Rede sein; ebensowenig wie von „Kontinuität“ in einer mehr als 3000jährigen Geschichte. Umso bemerkenswerter, dass die Erzählung von „Einheit“ und „Kontinuität“ trotzdem so erfolgreich ist, in China wie im Westen. Die Geschichte Chinas entfaltet sich in diesem Spannungsfeld. Sie beschreibt die unglaubliche Vielfalt Chinas und zugleich die immer neuen Versuche, diese Diversität durch vereinheitlichende Maßnahmen zu bändigen: durch Verhaltensvorschriften, Morallehren, Gesetze, Geschichte. So betrachtet, wird deutlich, dass die Lehre von der Einheit der „chinesischen Kultur“ nicht trotz, sondern gerade wegen deren Diversität zum Erfolg verdammt ist: nur deshalb wird China so einheitlich und harmonisch dargestellt, weil es so vielstimmig und differenziert ist.
Aus Ihrem Ansatz folgt auch, dass Sie die Geschichte Chinas nicht nach der Dynastienfolge abarbeiten und auch andere historische Zäsuren setzen. Welches ist Ihr historischer Zugriff?Die wirklich tiefgreifenden Umbrüche in Chinas Geschichte fanden - so meine These - nicht auf politischer, sondern auf gesellschaftlicher Ebene statt. Die „rituelle Revolution“ im 9. Jh. v. Chr., die „frühneuzeitliche Wirtschaftsrevolution“ ab dem 8. Jh., die „mediale Revolution“ im 16./17. Jh. und natürlich die chinesische Revolution des 20. Jh.s markieren Zäsuren, in denen sich die Sozialstruktur, das menschliche Miteinander und das gesamte Selbstverständnis Chinas grundlegend wandelten. Solche Phasen, in denen China sich jeweils neu erfunden hat, geben dem Buch seine Struktur; die politischen Änderungen, die damit einhergehen, erscheinen dann nicht als ewiggleiches Auf und Ab von Dynastien, sondern als innovative Reaktion auf gesellschaftliche Umbrüche - und als Antwort auf Probleme, die wir aus der eigenen Geschichte ebenso kennen.
Ihr Anspruch setzt auf Differenzierung. Wie haben Sie versucht, die Stofffülle in ihrer Vielfalt und ihrem Kontrastreichtum lesbar und anschaulich zur Darstellung zu bringen?Durch Variation der Erzählweise: indem sich Anekdoten abwechseln mit faktischen Überblicken, narrative Passagen von analytischen begleitet werden, die chronologisch voranschreitende Darstellung ergänzt wird durch essayistische Exkurse, die Themen zeitenübergreifend behandeln, und vor allem, indem die Quellen selbst immer wieder zu Wort kommen. Die verschiedenen Darstellungsebenen sollen die Vielfalt der Perspektiven andeuten, die sich einer Geschichte Chinas bieten. Sie erzählen das, was jeder Chinese über seine Geschichte weiß - aber auch das, was die moderne Forschung davon hält.